Gerard Klockenbring

Geld - Gold - Gewissen

 

 

 

 

 

 

2. Auflage (5.-7. Tausend) 1976

© Verlag Urachhaus Stuttgart 1974

Johannes M. Mayer GmbH it Co KG

Alle Rechte vorbehalten

Gesamtherstellung Greiserdruck Rastatt

ISBN 3 87838 184 0

 

 

Sehr verehrte, liebe Anwesende!

 

In den letzten Jahren ist ein Problem, das schon länger in der Welt rumorte, näher und deutlicher an die Ober­fläche des Bewusstseins getreten. Um das Jahr 1967, als die Studentenunruhen begonnen hatten, drang allmählich in das Bewusstsein breiter Bevölkerungsschichten, dass wir mit Fragen leben, die bisher durch Spezialisten behandelt worden und daher im Hintergrund geblieben waren. Wir haben eine Reihe von Ereignissen durchlebt wie die Studentenunruhen im Jahre 1968, die Umwälzung 1969, dann die beginnende Schwankung des Dollars, die auf Japan zurückwirkte, die aber eng zusammenhing mit den Spannungen um Nordafrika, den Kongo und Biafra, um Kuba und Südamerika, um Vietnam und den Nahen Osten seit gut 20 Jahren, bis sich schließlich alles wie in einem Brennpunkt konzentrierte: in der Energiekrise. Im Hintergrund dieser Erscheinungen stand stets die Wäh­rungsfrage.

Als die Probleme an die breite Öffentlichkeit gelangten, merkte man, dass im Grunde die wenigsten Menschen über die notwendigen Begriffe verfügten, um zu verstehen, was vor sich ging. In Frankreich zum Beispiel versuchte man, die Bevölkerung zu befragen und zu informieren, und man erlebte bestürzt, dass die Bevölkerung nicht verstand, was sich eigentlich ereignete. Statt der fehlenden Begriffe machten sich die elementarsten Instinkte geltend. — Es wird von »Inflation« gesprochen — wer aber weiß, was Inflation ist und wozu sie nottut? Jeder denkt sofort: «Nur das behalten, was ich jetzt habe, nur nichts verlie­ren! « Oder man spricht davon, eine europäische Währung zu schaffen — wer aber weiß, was alles damit zusammen­hängt? Diese Ahnungslosigkeit herrscht hinsichtlich vieler Probleme von Industrie und Handel, zum Beispiel bei der Schließung von Zechen, dem Suchen nach Erdgas oder Atomenergie. Die meisten beschäftigen sich nicht mit sol­chen Fragen. Warum? Weil uns gewisse Vorstellungen mitgegeben sind, schon von der Schule her, und weil wir mei­nen, diese Vorstellungen zu durchdringen — wir leben mit ihnen, und das genügt uns.

In dieser Situation ist es eine Tat, dass Hans-Georg Schweppenhäuser ein Buch mit dem Titel »Das kranke Geld« veröffentlicht hat, in dem er es unternimmt, dem Laien die Begriffe zugänglich zu machen: was Geld ist, wie es entsteht und vergeht, wie es funktioniert, womit es zusammenhängt. Dabei zitiert er eine Arbeit, die sehr erstaunliche und grundlegende Tatsachen über den Ur­sprung und das Wesen des Geldes zutage fördert: »Heili­ges Geld«, verfasst von Bernhard Laum und schon im Jahre 1924 in Tübingen erschienen. — Ich möchte ausgehen von einigen Tatsachen, die dort herausgearbeitet sind, denn diese stellen bereits allererste Vorstellungen in Frage, die man uns eingeprägt hat.

Wir alle haben gelernt, dass der erste Schritt des wirt­schaftlichen Lebens die Tauschwirtschaft sei, in der man gegenseitig Naturalien tauscht. Bernhard Laum ist nun von Münzsammlungen ausgegangen und hat die verschie­denen Münzen erforscht. Dazu hat er weitgehende litera­rische Studien betrieben, zum Beispiel der indischen und persischen Literatur wie auch europäischer Geschichtsquel­len. Unter seinen Beobachtungen ist besonders aufschlussreich: der kultische Ursprung des Geldes.

Die erste und einfachste Form des Wirtschaftslebens be­stand nicht in der Tauschwirtschaft, sondern darin, dass die primitiven Völker wirtschaftlich Selbsterzeuger waren. Es wurde nicht getauscht, vielmehr lebte der Mensch von dem, was die Natur ihm spendete, und begnügte sich da­mit. Es kam ihm zunächst keineswegs in den Sinn, in ein anderes Land zu gehen und besitzen zu wollen, was andere dort erzeugten. Er betrieb Jagd, Ackerbau und Viehzucht und war so auf das engste mit der ihn unmittelbar um­gebenden Natur verbunden und von dieser abhängig. Das war die primitive Stufe der Wirtschaft Versuchen wir nun, uns das »Bewusstsein« vorzustellen, das damit verbunden war. Diese Art von Menschen­gemeinschaft war ganz stark davon geprägt, dass sie als verhältnismäßig geschlossene Gesellschaft es mit Mächten zu tun hatte, die sie überragten: mit Naturkräften und auch mit denen, die man als die Schicksalsmächte empfindet. Der Mensch erlebte Mächte, denen er sich nur insofern nähern konnte, als er sie wesensgemäß wahrnahm. Wie konnte er sich in eine rechte Verbindung zu diesen Mäch­ten setzen? Er musste in sich selbst Kräfte entwickeln, die über sein gewöhnliches »Bewusstsein« hinausreichten, um so mit diesen höheren Mächten zu verkehren. Gewöhnlich nennt man das ein magisches Bewusstsein.

Wie kann man solche höheren Kräfte wecken? Diese Frage gilt in verwandelter Form auch noch für das heutige Bewusstsein. Überall, wo ich vor etwas Unbekanntem, Un­erreichbarem stehe, frage ich: Wie kann ich Kräfte in mir wecken, die in dieses Unbekannte hineinzuwachsen ver­mögen? — Ich Muss in meinem Leben so etwas wie ein Vakuum schaffen, einen Verzicht, eine Entbehrung er­leben. Aus diesem Verzicht, aus dieser Entbehrung er­wachsen dann unbekannte, in mir schlummernde Kräfte. Das ist das Geheimnis des Opfers.

So weit unsere Kunde von der primitiven Menschheit zurückreicht, weiß man, dass die Menschen Opfer darbrachten. Diese Opfer bestanden darin, dass man etwas, was zu der Umgebung des Menschen — nicht notwendig zu seiner Nahrung oder zu seiner äußeren Grundlage, jedoch zu seiner seelischen Umgebung gehörte - hingab, und damit ein gewisses Vakuum schuf. Aus dieser Leere erstanden neue Kräfte. Bestimmte Menschen, die in diese geheimnisvollen höheren Gesetzmäßigkeiten Einblick hatten, konnten sie ihren Mitmenschen zugänglich machen, indem sie die Opfer empfingen und darbrachten. Die Opfer gehörten dem Gotte, denn sie waren Ausdruck von Geistigem, nämlich von Gedanken, von einem Dialog. Diese Opfergesinnung bewirkte im Laufe der Zeit, dass der Mensch immer mehr Verstand, immer mehr Bewusstsein entwickelte, und der Verkehr mit den höheren Mächten wurde immer deutlicher von gegenseitigem Verständnis geprägt. »In Griechenland herrscht also zwischen Gott und Mensch ein freies Tauschverhältnis. Das gleiche gilt auch für andere historische Religionenn. «

In den verschiedensten Völkern traten ungefähr zur gleichen Zeit die Bündnisse mit der Gottheit als Phänomen auf. Ein solches Bündnis ist eine gegenseitige Vereinbarung, ein Abkommen: Der Gott offenbart seine Gesetzmäßigkeiten sowie die des Menschen, welche der göttlichen Gesetzmäßigkeit entsprechen. Es ist dabei zu bemerken, dass die Bündnisse ursprünglich auf gegenseitiger Freiwilligkeit beruhten. Der Gott sagte also nicht: So sollst du sein, und wenn du nicht so bist, wirst du bestraft. So war es überhaupt nicht. Man sieht das zum Beispiel bei den Indern oder den Griechen. Da wird eindeutig gesagt, dass, wenn der Mensch gewisse Fähigkeiten entwickelt, die Gottheit ihm als Gegenwirkung diese oder jene Kraft zur Verfügung stellt. Der Mensch handelte in dieser Hinsicht selbständig. Er konnte die Fähigkeiten freiwillig entwickeln, die Taten vollbringen, oder auch nicht. Die Gottheit handelte ihm gegenüber entsprechend in Freiheit. In der Ilias und Odyssee sehen wir, wie die Menschen auf diese Weise mit der Gottheit verkehrten. Die Gottheit sagte ihnen, was zu geschehen hatte, und wenn die Menschen es vollzogen, erfuhren sie etwas Entsprechendes; wenn nicht, wurde ihnen die mögliche Erfahrung nicht zuteil.

Die Hebräer hatten dieselbe Einstellung. Das »Bündnis« ist eine Vereinbarung, in der jede Partei ihren Anteil zur Verfügung stellt und so eine Entsprechung, eine Gegenseitigkeit schafft. Auch bei den Juden war es so, dass die Gottheit frei mit den Menschen verkehrte und die Gesetz-mäßigkeit offenbarte, nach der sich beide Partner zueinander einstellen. Das geht auch daraus hervor, dass die Zehn Gebote nicht in der Imperativ-, sondern in der Futur-Form gehalten sind: »Du wirst ...« und nicht, wie Luther übersetzt, »du sollst ...«

Die Priester, als diejenigen, die sich »spezialisierten«, das Opferwesen zu verwalten, konnten natürlich nicht in demselben Maße wie andere Stammesangehörige auf die Jagd gehen, Schafherden hüten oder Landwirtschaft betreiben; sie hatten die Erkenntnis der höheren Gesetzmäßigkeiten zu pflegen und den übrigen Menschen zugänglich zu machen. So entstand die erste Arbeitsteilung und damit im menschlichen Zusammenleben auch die erste gegenseitige Vereinbarung, der erste »Vertrag«. Man brachte den Priestern Opfertiere, meist Rinder, aber auch Tauben oder Schafe. Ein Teil wurde der geistigen Welt unmittelbar zur Verfügung gestellt, wurde dem Feuer übergeben, der andere Teil sollte zum Unterhalt, zum physischen Leben des — sagen wir das mit heutigen Worten: — Tempelpersonals dienen. Das waren nicht nur Priester, sondern auch die vielen Tempeldiener der oft ziemlich umfangreichen Weihe- und Lehrstätten. Dort wurden die heiligen Tiere gehütet, die natürlich nicht alle geopfert und auch nicht alle verzehrt wurden. Was taten nun die Priester damit? Bei dieser Frage kommt man darauf, dass von den Tempeln die Orientierung und Organisierung auch der sozialwirtschaftlichen Verhältnisse ausging. , Die Priester waren die ersten, die durch ihren weiteren Horizont eine Übersicht über die Sippen hatten und das Leben der einen mit dem Leben der anderen verbinden konnten. Man kam zu den großen Festen zusammen, zum Beispiel in Griechenland bei den Olympischen Spielen oder den anderen kultischen Feiern in Delphi, in Athen (den Panathenäen), Eleusis und an anderen Orten. Wie in einem Netzgeflecht gab es miteinander in Verbindung stehende Konzentrationspunkte, an denen diese gewaltigen religiösen Feste stattfanden und die Menschen zusammen einströmen ließen. Bei solchen Anlässen bot sich auch Gelegenheit für den Tauschhandel. Er wurde von den Tempeln aus geregelt, denn dort wusste man, wer Erzeugnisse hervorbrachte, die ein anderer benötigte. In den Tempelstätten wurde das Bewusstsein der verschiedenen Bedürfnisse und der Möglichkeiten ihrer Befriedigung entwickelt. Von diesem erweiterten, höheren Bewusstsein, das da gepflegt wurde, nahm allmählich die Organisierung der gesellschaftlichen Lebensbedingungen ihren Lauf. Das Tauschverhältnis zwischen Mensch und Gott ging über in ein solches unter Menschen.

Nun ist es klar, dass man nach einiger Zeit nicht mehr unmittelbar tauschen konnte, sondern indirekt tauschen musste. Wenn zum Beispiel einer sehr viele Kühe hatte, so brachte er sie natürlich nicht alle zum Fest mit, erfuhr dort aber, dass ein anderer Kühe brauchte. Dieser hatte etwas im Überfluss, wovon der erste nur einiges benötigte. Es zeigte sich also, dass der direkte Tausch zu kompliziert war, und so wurde von den Tempeln ein Zeichen, ein Vermittlungszeichen ausgegeben, um den Austausch der Güterpraktikabel zu machen. Man nahm dazu Gegenstände, die gerade dadurch charakterisiert sind, dass sie keinen unmittelbaren Nutzen hatten, denn sie sollten nichts anderes sein als Zeichen. Sie sollten — man hat das manchmal so ausgedrückt — einer beweglichen, einer flüssigen Buchführung dienen. »Die wichtigste Eigenschaft der Symbole besteht für uns darin, dass sie nur einen Funktionswert, keinen realenWert repräsentieren. « Das, was zirkulierte, war die Ware. Damit sie richtig zirkulierte und dahin gelangte, wo sie gebraucht wurde, gab man solche Zeichen sozusagen als Bürgschaft aus. Diese Bescheinigungen zeigten noch, dass sie etwas Heiliges waren und vom Tempel ausgingen. Die bedeutenden Tempelgegenstände wurden aus Edelmetallen, also hauptsächlich aus Gold und Silber, aber auch aus Kupfer hergestellt. Man prägte auf Metallstücke, lange Zeit einfach Klumpen, das Zeichen des Tempels oder des Gottes. Daraus entwickelten sich allmählich die Münzen, die an Größe und Gewicht mehr und mehr verloren. Wir müssen uns darüber klar sein, dass diese Münzen an sich keinen unmittelbaren Nützlichkeits- oder Warenwert hatten, sondern als Symbole bloße Bewußtseinsstützen darstellten.

So gelangte das Geld als Mittel zur Verwaltung der ursprünglich göttlichen Ökonomie allmählich in die Hände der Allgemeinheit. Ursprünglich war es nur geliehen gewesen, der Tempel hatte es ausgegeben. Jeder wusste, dass es eigentlich dem Gott zugehörte. In dieser Art wurde der Umlauf der Waren ermöglicht. Sobald diese ihren Bestimmungsort erreicht hatten, wurde das Geld als Opfergabe wieder in den Tempel zurückgebracht.

Eine wesentliche Änderung dieser Abläufe trat im alten Rom ein. Die Römer hatten — das entwickelte sich besonders stark unter den Cäsaren — ihre Familiengötter; mit den oberen Göttern pflegten sie viel weniger Umgang, sie waren nicht so unmittelbar mit ihnen verbunden, da diese Verbundenheit dem Staat oblag. Dieser verwaltete das Gemeinwesen dadurch, dass er die Gesetze einseitig gab und deren Befolgung kontrollierte. Es ist naheliegend, dass sich dabei rasch die Tendenz bildete, die Gesetze aufzuzwingen und sie mit Macht zu vertreten. Das gesamte gesellschaftliche System sank dadurch um eine Stufe tiefer, unserem heutigen Bewusstsein näher, in die menschlichen Zusammenhänge hinein, und es entstand das von Menschen bestimmte Recht, das die gegenseitigen Macht- und Pflichtverhältnisse definiert, den Privatbesitz schützt, dessen Ausdruck das Geld geworden ist.

Jetzt müssen wir die Frage danach stellen, wieso das Gold in besonderem Maße auf dem wirtschaftlichen Feld der menschlichen Beziehungen diese Aufgabe bekam. Wer untersucht, was Gold ist, wo man Gold findet, hat einige Ursache, zu staunen. Da ist zunächst die Tatsache, dass das Gold überall vorkommt — bis in die höchsten Luftschichten hinauf lässt sich Gold nachweisen, im Meer findet sich Gold und überall in der Erde, verteilt wie feinster Staub. Man kennt sogar die verschiedenen Verdünnungsgrade. Es ist, als ob die ganze Erde mit Gold durch-homöopathisiert wäre; im Meer ist die Potenz genau D7, in der übrigen, festen Erde D9. Das heißt also, in 109 Teilen Erdensubstanz ist 1 Teil Gold enthalten. Interessant ist auch, dass jeder Kontinent, Europa, Asien, Afrika, Australien, Nord- und Südamerika, Quellen hat, wo das Gold etwas dichter ist. Das ist eine erste Tatsache.

Zweitens gibt es keine Goldadern in der Erde, wie dies für Kupfer- oder Eisenvorkommen zutrifft. Man könnte sogar sagen, dass das Gold ursprünglich nicht in Klumpen, sondern nur in feinster Verteilung vorhanden war. Wir haben zwei Arten der Verteilung: Einmal ist das Vorkommen des Goldes dichter, und zwar in der Nähe von Kiesel, besonders von Kristallen, in der Nähe von Eisen, Schwefel und dem damit verbundenen Arsen. Das Arsen ist ein seltsamer Stoff, der vom Gasförmigen direkt ins Feste übergeht, ohne flüssig zu werden, und der die Fähigkeit hat, immer dort mitzuwirken, wo Verfestigungstendenzen auftreten. Bei Kiesel, Eisen, Schwefel und mit Hilfe von Arsen finden wir Gold gern etwas kompakt. Sehr verdünnt hingegen trifft man das Gold bei Silber, Quecksilber, Kupfer, Antimon an, so dass der Eindruck entsteht: Gold ist ein »sozialer Geselle«, der gewisse Freunde hat, mit denen er gern verkehrt.

Dass Gold dennoch manchmal als Klumpen auffindbar ist, beruht auf einem Prozess, der da abläuft, wo das Gold zusammen mit Eisen und Schwefel auftritt. Gewisse Schwefel-Eisen-Verbindungen, wie zum Beispiel der Pyrit, sind so beschaffen, dass sie an der Oberfläche der Erde gern oxydieren und verwittern; dadurch verwandelt sich das Eisen, nimmt mehr Schwefel an und wird dann zu einem wasserlöslichen Salz, das auch andere Metalle in die Lösung aufnimmt, also auch Gold. Diese Salze sickern mit dem Wasser in die Tiefe, und sobald sie von der Luft abgeschlossen sind, verwandeln die Ferro-Sulfate sich in Eisen mit weniger Schwefel zurück, und das Gold wird wieder abgegeben. Auf diese Weise entsteht das geschwemmte Gold, das einmal gelöst war und sich dann verdichtet und Klumpen gebildet hat. Abgesehen von diesen geschwemmten Vorkommen ist das Gold jedoch auf das feinste überall verteilt.

Eine andere Seite vom Wesen des Goldes, die sofort ins Auge springt, ist seine besondere Verwandtschaft mit dem Licht. Das Gold nimmt das Licht in sich auf, aber behält es nicht, sondern strahlt es wieder von sich ab. Es hängt mit dem geheimnisvollen Zusammenwirken von Gold und Licht zusammen, dass die Maler zuerst das Gold als Symbol für die Welt des übersinnlichen Lichtes nahmen und später darum gerungen haben, mit Farbeffekten — etwa von Braun, Gelb, Blau, Rot, Schwarz usw. — die Wirkung hervorzuzaubern, die vom Gold ausgeht. Gold ist lichtverwandt; es hat eine innige Beziehung zu den Farben. Es gibt kolloidale Lösungen von Gold, die man für verschiedene Farben verwendet, für ein wunderbares Blaugrün, aber vor allem für eine ganz ausgewogene rote Farbe. Die Glasfenster der Kathedrale von Chartres mit ihrem besonderen Rot enthalten Gold. — Sie alle kennen die kleinen roten Gläser, in denen das ewige Licht in den Kirchen vor den Ikonen brennt - sie enthalten ebenfalls Gold. Wenn man sie anschaut, sieht man dieses leichte Karminrot, das aber einen gelblichen Schimmer hat, so dass es nicht bloß Karmin ist, sondern einerseits den zarten bläulichen Ton im Rot zeigt, andererseits aber auch einen warmen Glanz, der nicht das grelle Zinnoberrot ist; es ist beides, Purpur und Gold, harmonisch miteinander vereint, ungemein warm. Bei Verdünnung dieses Farbstoffes genügt es, dass ein Hundertmillionstel Teil der Substanz in einer Lösung enthalten ist, um sie noch purpurn zu färben.

Das Gold zeigt auch seine Verwandtschaft mit dem Licht, wenn man es in Form ganz feiner Scheibchen oder Häutchen vor sich hat. Sobald Licht darauf fällt, ist es golden; dringt das Licht hindurch, dann wirkt es grün. Solche Goldhäute werden in der Buchbinderkunst oder zum Vergolden von Bilderrahmen verwendet. Man kann diese Häutchen gar nicht berühren, ohne sie zu zerstören, denn sie sind noch feiner und empfindlicher als Schmetterlings-flügel. Deshalb bedarf es zarter Bürsten, die durch Streichen elektrisiert werden, um ein solches Häutchen aufzunehmen, das dann auf den vorher mit einem Spezialleim behandelten Bilderrahmen mit einem leichten Schlag heruntergebracht wird. Die Häutchen sind nur ein zehntausendstel Millimeter dick! — Das Gold ist einerseits lichtverwandt und leicht, andererseits aber fast der schwerste Stoff, den wir kennen, mit einem spezifischen Gewicht von 19,3 (spezifisches Gewicht von Blei: 11,6). Gold wiegt fast doppelt so viel wie Blei. Diese Eigenschaft ist vielleicht auch mit der anderen verwandt, dass Gold ein außergewöhnlich stabiler Stoff ist. Es oxydiert nicht, verbindet sich chemisch mit kaum einer Substanz, höchstens eine Cyanlauge greift es an. Es ruht sozusagen fest in sich. Da diese Substanz so leicht ist und so schwer zugleich, offenbart sich darin die Fähigkeit, zwischen diesen beiden Polen nicht zu zerreißen. Gold ist tatsächlich der dehnbarste Stoff, den es auf der Erde gibt: Wenn man ein Gramm Gold nimmt, kann man — das übersteigt fast die Vorstellungsfähigkeit — daraus einen Faden von zwei Kilometern Länge ziehen. Darüber hinaus hat Gold eine erstaunliche Stärke: Ein Draht von zwei Millimetern Dicke vermag einer Zugkraft von 60 Kilogramm standzuhalten. Stellen wir uns die unerhörte Verdünnbarkeit vor, diese Licht- und Wärmefreundschaft einerseits, die Schwere andererseits, dann die ungeheuer große Dehnbarkeit, so haben wir im Gold einen Stoff, der wie keiner dazu veranlagt ist, die äußersten Gegensätze miteinander zu verbinden.

So verbindet das Gold Leichtigkeit und Schwere, umspielt diese beiden Pole in einem Hin und Her, fast wie eine Flüssigkeit. Wir erinnern uns, dass wir vorhin von der Flüssigkeit im wirtschaftlichen Kreislauf sprachen, von dieser Fähigkeit, die Zirkulation der Waren »flüssig« zu machen. Jetzt muss noch etwas gesagt werden, was nicht direkt der Beobachtung entspringt und auch äußerlich nicht »beweisbar« ist; doch wird hier das Verständnis vom Wesen des Goldes so entscheidend erhellt, dass es sich lohnt, das folgende einfach einmal so aufzunehmen und dann darüber nachzudenken. Es handelt sich um einen Ausspruch Rudolf Steiners über das Gold. Er schildert, dass es in der Erdenentwicklung eine Zeit gegeben hat, in der die Sonnenkräfte die Atmosphäre völlig umfluteten und das Erdenwesen noch in der Sonne war. Dann zogen sich diese Sonnenkräfte zurück, und die Erdenkräfte trennten sich von ihnen. Es kam zu einer Art Strahlung von der Sonne her auf die Erde zu. Wenn in der Genesis davon gesprochen wird, wie der Geist Gottes über den Wassern brütet, so drückt dieses Bild aus, dass Seelenkräfte ausgestrahlt wurden: seelische Wärme. Rudolf Steiner bemerkt hierzu, dass gewisse Wesenheiten auf der Sonne andere Lebensgewohnheiten angenommen hatten — da spricht er unmittelbar von Gewohnheiten —, und obgleich diese Wesen auch strahlend waren wie die Sonnenwesen, hemmten die Gewohnheiten ihre Strahlung. — Man könnte das mit folgendem vergleichen: Wenn ein Mensch mit bedeutenden Eigenschaften immer nur mit sich selbst beschäftigt ist, dann hemmt das die Ausstrahlung seiner Eigenschaften. — So charakterisierte Rudolf Steiner im Jahre 1912 in Helsinki die luziferischen Wesen. Diese Wesen haben so gewirkt, dass sie durch ihre Gewohnheiten das seelische Strömen in Lebensströme umgewandelt haben, in ätherische Ströme, die in die Lebensprozesse der Erde hineinflossen und sich im Gold verdichteten.

Das ist insofern sehr wichtig, als man dadurch verstehen kann: Gold ist unzweideutig ein edles Metall, und doch gibt es eine ungute Goldverehrung, eine Art Goldrausch. Eine reine, lautere Sonnenkraft, die auf die Erde strahlte, aber doch von ihrer ursprünglichen Wirkungsweise abgewendet und in eine Schicht hineingeleitet wurde, wo sie nicht am Platze ist, wurde dadurch zu Gold. Durch die luziferischen Wesen war das Gold etwas zu tief gesunken. Weiter schildert Rudolf Steiner, dass eine kosmische Gegenleistung gebildet werden musste, eine Art von »Gegengift«. Das sind andere Wesen, die sich auf den Mond zurückzogen und vom Mond her auf die Erde einstrahlten. Durch diese Einstrahlungen entstand das Silber auf der Erde, so dass Silber eine Art von Gegengift zum Gold wurde. Etwas von dieser Wesensseite des Goldes wird an folgendem Beispiel deutlich: Wenn einem gesunden Menschen in homöopathischer Potenzierung Gold gegeben wird, können damit Störungen bewirkt werden; der Blut-Kreislauf staut sich zuweilen und löst sich dann wieder, was sich auf das Gemüt auswirkt, so dass durch unangebrachte Einnahme von potenziertem Gold Depressionen erzeugt werden können, die unter Umständen mit Wutausbrüchen abwechseln. Gold trägt auch die Züge eines Giftes an sich; es tötet Mikroorganismen und hat dadurch eine antiseptische Wirkung, wie Wilhelm Pelikan in seinem Buch »Sieben Metalle« beschreibt. Schon früh haben die Menschen die Kunst entwickelt, Gift umzuwandeln und Heilmittel daraus zu machen, und dies gilt auch für das Gold. Gerade bei den Kreislaufstörungen kann man durch Gold eine Gegenwirkung erzeugen, man Muss nur diese subtilen Vorgänge kennen, denn die Wirkungen des Goldes stammen aus einem geheimnisvollen Bereich und sind keineswegs harmlos.

Wir haben also im Gold eine vermittelnde Kraft erkannt zwischen unendlicher Ausdehnung und starkem Zusammenhalt, zwischen Versprühen und Verhärten. Was ursprünglich seelische Konzentrationskraft war, floss in die Lebensprozesse. — Das Gold wurde von den Tempeln, zusammen mit dem Silber, der Bevölkerung ausgeliehen als Bewusstseinsstütze, um den Kreislauf der lebensnotwendigen Güter und Erzeugnisse zu ermöglichen. Ein Wert wurde ihm zugemessen, nicht nach irdischen, sondern nach kosmischen Maßstäben: Wie der Mond 13,3mal schneller durch den Tierkreis wandert als die Sonne, so war Gold 13,3mal mehr wert als Silber. Es sollte das Erdenbewußt- sein mit den kosmischen Gottesgesetzmäßigkeiten verbinden. Die Goldschätze in Ägypten und ihre Sonnenverwandtschaft sind ja bekannt. Dass in Ephesus die Amulette und Tempelabbilder aus Silber waren, dürfte mit der Tatsache zusammenhängen, dass es dort um gewisse Mondeinflüsse ging.

Wir sind jetzt wieder zu unserer wirtschaftlichen Betrachtung zurückgekehrt und wollen noch kurz andeuten, wie die Entwicklung weitergegangen ist. Wir erinnern uns: Der ganze Kosmos prägt die Erde und belebt sie. Indem die Menschen ein Bewusstsein entwickelt haben, haben sie einen Teil von diesem Lebensprozeß übernommen. Sie haben gelernt, selbst in die Hand zu nehmen, was sie früher trug und ordnete. In dem Maße haben sie die Wirtschaft entwickelt. Es ist bekannt, dass die ersten Kulturen, die das Gold verwalteten — Indien, Persien, Chaldäa, Ägypten, Lydien, Gallien —, reiche Goldschätze hatten. Vor allem diese Völker haben bewirkt, was vorhin beschrieben wurde, indem sie durch die tropfenweise Leihgabe des Goldes und des Silbers in den Wirtschaftskreislauf den Handel allmählich flüssig machten. Gold oder Silber wurden hineingegeben und fluteten dann wieder zurück, nachdem sie ihre Funktion im wirtschaftlichen Kreislauf erfüllt hatten und wieder zum reinen Opfer. wurden.

Man kennt einen Punkt, an dem eine bestimmte Schwelle überschritten wurde. Wer war der erste Mensch, der seinen Namen — also einen Menschen-, nicht mehr Gottesnamen - auf seine Münzen prägte? Das war König Salomo. Es ist bezeichnend: Der Mensch, dem die Gottheit hohe Menschenweisheit übergeben hatte, prägte sein Gold mit seinem Namen. Ein anderer, der eine große Rolle spielte, war Cyrus, der Perserkönig. Er hatte Lydien erobert, das lydische Gold nach Persien geholt und von dort aus verwaltet und verbreitet, bis zum Mittelmeer hin. Von einer anderen Persönlichkeit darf man wohl sagen, dass die meisten, wenn nicht fast alle bedeutenden Goldschätze durch ihre Hände gegangen sind. Das ist ein eigenartiges Phänomen. Dieser Mensch hatte nämlich alle wichtigen Heiligtümer, eines nach dem anderen, erobert oder aufgesucht — es ist Alexander der Große. Er nahm aber keine von den eroberten Stätten in Besitz, bewirkte vielmehr, dass neue Verhältnisse zwischen den Völkern und ihren Kulturgebieten entstanden — die erste kosmopolitische Organisierung des gesamten Mittelmeergebietes und des Raumes bis nach Indien hin. Das ist die Tat Alexanders. Auch er zählt zu den ersten, die ihr Antlitz auf Münzen prägen ließen.

Damals stieg der Prozess von der Götterwelt zu den Menschen herunter, die dafür verantwortlich wurden, dass das Gold als Entsprechung für die Zirkulation der Ware zur Verfügung stand. Diese Entwicklung mündete dann in der römischen Handhabung, und das vorhin Dargestellte trat ein: Es wurde nun ein gewisser Zwang ausgeübt. Sie wissen ja, dass die römischen Cäsaren sich als »göttlich« verehren ließen und ihre eigenen Bilder auf den Münzen hatten. Durch diese neue Perspektive waren sie nicht mehr Verwalter der göttlichen Ordnung, sondern ihrer eigenen Macht. Dazu diente das Geld, das fortan nicht mehr in die Heiligtümer zurückströmte, das hinausging in alle Welt. Ganz wesentlich wurde zu jener Zeit die Weltentwicklung durch die Expansion des Römischen Reiches bestimmt, das seine Legionen überall hinsandte, im Westen bis nach Spanien, im Süden bis in die Sahara, im Osten bis in die Gebiete Asiens hinein und im Norden bis Frankreich, Deutschland und England. Sie plünderten, und sie mussten bezahlt werden. Die 60 000 Arbeiter, die in Spanien das Gold aus der Erde holten, wie auch die etwa zwei bis drei oder sogar sechs Milliarden Goldmark, die Caesar in Gallien geraubt hatte — das alles diente dazu, die Legionäre zu bezahlen. Diese kauften Kunstschätze und andere Objekte nicht nutzbringender Art und schickten sie nach Rom. Doch wurden die Kunstschätze nicht mehr eingetauscht, und das Geld bzw. das Gold strömte nicht wieder zurück. Ein entscheidender Faktor des Untergangs von Rom ist in dieser Goldarmut zu sehen. Rom hatte sein Gold verströmt, schneller verströmt, als man es erbeuten und aus den Bergwerken holen konnte. »Es gibt natürlich eine ganze Anzahl von Impulsen, die den Untergang des Römischen Reiches herbeigeführt haben, aber ein ganz wesentlicher ist der, dass durch den Gang der römischen Geschichte allmählich das Geld abgeflossen war nach dem Orient.«

So sehen wir, wie das Gold allmählich abfällt in das Gebiet der menschlichen Macht, der Sucht, der Habgier. Dieser Vorgang wurde aber trotzdem noch eine Zeitlang verzögert, und zwar durch den Untergang Roms: In den ersten christlichen Jahrhunderten floss sehr viel Geld in die Kirchen, vor allem in die östliche Kirche, wo das Gold tatsächlich wieder geopfert wurde. Denken Sie an die Haig Sophia in Konstantinopel, an die Gesinnung, die noch später nachwirkte in den russischen Kirchtürmen mit ihrer Zwiebelform, die ganz mit Gold bedeckt waren. Die Innenverzierungen, die Ikonostasen, Kelche, Kronleuchter, Bischofsstäbe — alles war golden. Man sage nicht zu rasch, dass die Kirche den Reichtum des Volkes verzehrte, denn Gold, das geopfert ist, ist ja kein Reichtum mehr, mit ihm wird nicht regiert und nicht geknechtet. Es drückt den Opferwillen der Menschen aus! — Da die Kirche wohl die Opfer empfing, sich aber nicht mehr, wie in vorchristlichen Zeiten die Tempelstätten, als Regulator des wirtschaftlichen Ausgleichs fühlte, überließ sie diese Aufgabe den Machthabern, welche sich auf ihre Weise daraus Vorteile zu verschaffen wussten. Bei ihnen wurde das Gold allerdings Ausdruck der Macht und entweder als Tauschmittel für Waren oder als Druck- und Drohmittel, als Ersatz für politische List und Waffengewalt missbraucht. So hatte das Gold zwei Funktionen bekommen: einmal Zeichen des Opfers und zum anderen Werkzeug der Macht zu sein. Die zweite Funktion führte im Laufe des Mittelalters zu der allmählich sich ausbreitenden Unsitte, dass sich Fürsten zu Äbten ernennen ließen, zu Laienäbten und sogar zu Laienbischöfen, indem sie zunächst für dieses Amt eine Menge Geld zahlten, um in der Folge um so mehr ihre Macht und ihren Besitz zu vergrößern. Es kam zu einer immer tieferen Verquickung von Geistigem und Weltlichem. Das fränkische Reich zeichnete sich durch seine besondere Vorliebe für solche Verquickungen aus, in die es sich mit den römischen Päpsten einließ.

Vor diesem Hintergrund können wir einen Aspekt der Kulturaufgabe verstehen, die in der Mitte des Mittelalters von einer Gemeinschaft ganz bewusst ergriffen wurde, von dem Tempelritterorden, der beschloss, das Wirtschafts-leben nun wieder so zu verwalten, das es von Bewusstsein durchdrungen war. Die Templer versuchten, auf einer neuen Ebene den Symbolwert des Geldes wieder zu beleben, indem sie Schecks ausstellten. Wenn zum Beispiel Pilger von Brindisi aus nach dem Heiligen Land wollten, wandten sie sich an die Templer der Stadt, legten bei ihnen ihre Schätze nieder und ließen sich einen Schein geben, auf dem bestätigt war, dass sie soundso viel bezahlt hatten. Sobald sie in Akkon, in Cäsarea oder irgendwo in Ägypten ankamen, gingen sie dort wieder in eine Templerkomturei, zeigten ihren Schein vor und bekamen, was sie brauchten. Um die wirtschaftlichen Möglichkeiten zu einem solchen Handelsverfahren zu haben, hatten die Tempelherren damit begonnen, selbst Landbau zu treiben oder ihn von Bauern betreiben zu lassen. Dadurch hatten sie Einkünfte erzielt, die sogleich ausgeliehen wurden, um den Landbau zu erweitern. Ebenso bauten und bewachten sie Straßen und schützten den Handel. Sie bekamen aber auch sehr viele Schenkungen. Adlige Familien schenkten Grundstücke und Schätze, womit die Templer wiederum Grund und Boden kauften und Häuser, Burgen, Kirchen bauten. Es wurde gekauft, geliehen, empfangen — aber es wurde nie verkauft. Was ein Templer gekauft hatte, verkaufte er nicht wieder. Dadurch bewahrten alle diese Güter, die sie gekauft hatten und dann den Bauern zur Verfügung stellten, weiter ihr Eigenleben, konnten aber nicht mehr als Ware in Umlauf gehen, auch nicht als Macht- oder Zwangsmittel verwendet werden; sie wurden in den Dienst der Allgemeinheit gestellt und streng kontrolliert. Auf dieselbe Weise entstanden Bergwerke; in ganz Europa und im Nahen Osten wurden Edelmetalle, Edelsteine usw. geborgen. Dies war ein Schritt auf dem Wege zur Industrie Der Templerorden wuchs zu einer gewaltigen Organisation an, ein Großteil des wirtschaftlichen Lebens stand unter seiner Aufsicht, wobei jedoch seine Mitglieder selbst nichts besaßen. Die ungeheuer großen Schätze, die sie ver-walteten, gehörten niemandem, sondern standen immer wieder zur Verfügung, entweder zum Kauf oder zum Leihen oder für den Bau von Kathedralen, auch als Geschenk. Das Geld wurde dorthin zurückgegeben, wo es niemandem gehörte, wo es nur der Bewusstseinsbildung diente.

Geld ist eigentlich Bewusstsein, und zwar Bewusstsein dessen, was ich gebe. Das ist sogar der Sinn des Wortes »Geld«: »Ich werde dir's vergelten, du hast mir etwas gegolten«, bedeutet: »Ich werde dir für dein Opfer etwas zurückopfern; ich nehme in mein Bewusstsein, was du mir wert warst. « Eine »Gilde« ist eine Opfergemeinschaft, die Gemeinschaft derer, die dasselbe Opfer bringen.

Die Macht der Templer, die mit keinem äußeren Mittel angreifbar sein konnte, weil kein Besitz mit ihr verbunden war, weil sie allein im Bewusstsein lag, erregte bei den einfachen Leuten oftmals Angst, denn man hatte den Eindruck: »Sie verfügen über Kräfte, die wir nicht kennen; sie haben eine Freiheit, die wir nicht haben.« Sie erregte andererseits bei den Fürsten, den Machthabern Neid und Hass, und diese Umstände bewirkten schließlich die Zerstörung des Ordens. Das kann hier nicht weiter ausgeführt werden, es ist aber eine interessante Begebenheit, deren Folgen bis heute noch nicht ausgeschöpft sind; sie ist in dem Buch von M. J. Krück von Poturzyn, »Der Prozess gegen die Templer«, außerordentlich anschaulich geschildert.

Jetzt sind nur noch einige Fakten zu nennen: Christoph Kolumbus — Entdeckung Amerikas; Eldorado — Massenmorde in Südamerika, um das Gold zu erbeuten; Spanien besaß so viel Gold, dass es nichts mehr damit anzufangen wusste — und das Gold verlor seinen Wert; Mexiko, Nordamerika, dann Australien, Südafrika; der große Rush in Nordamerika, die ungeheure Sucht, welche die Menschen ergriff, das Gold zu horten; Fort Knox, dessen Keller sich mit Gold füllten als Zentrum und Symbol der äußeren Gier und imperialistischen Gewalt.

1816 wurde als Stütze für das gesamte Geldwesen in England die Goldwährung eingeführt. Dadurch entstand zweierlei: Zum einen wurde dem Geld ein vermeintlich bleibender Wert zugeschrieben, der mit Goldmaterie garantiert war. Es bekommt also ein eigenes Dasein, verselbständigt sich, und nun werden die Waren, für die es früher nur Wert-Zeichen war, als Mittel benützt, um Geld zu gewinnen. Zum anderen gerät das Gold selbst umso mehr in den Sog der Spekulation, der daraus resultiert. Es wird um Gold gehandelt und verhandelt. Man erwirbt es, nicht durch Leistungen, aber durch Kalkulationen. In diesem Prozess sind wir noch immer mitten darin. Wir müssen dazu kommen, ihn zu durchschauen, zu erkennen. Immerfort sagt man: » Ja, das Geld ist schmutzig. « Warum? Woher kommt das? Wir denken an Worte aus dem Evangelium: »Man kann nicht Gott dienen und dem Mammon. « Was bedeutet das?

Es ist notwendig, dass folgendes einmal etwas klarer wird. Weder Geld noch Gold ist der Mammon; der ist etwas anderes. Gold ist nicht irdisch, es ist zunächst ein Mittel, das so, wie das Licht der Sonne das Leben ordnet, dem Menschen erlaubt, im Bewusstsein zu haben, wie sich sein Lebensverhältnis zu dem der anderen ordnet. Solange das Geld — ob nun Papier, Gold oder Silber — nur der Ausdruck für das ist, was ich geleistet habe, was man mir schuldet und was ich schulde, ist das ganz normal. Nicht normal aber ist, dass das Geld einen eigenen Wert für sich bekommt und selbst zur Ware wird. Das ist eine Fiktion, eine Lüge. Denn Geld hat keinen Wert, es wird nicht gegessen, man wohnt nicht darin, kleidet sich nicht damit; es nützt nichts, ist keine Ware. Wenn es zur Ware gemacht wird, dann legt man ihm einen künstlichen, theoretischen Wert bei, dem nichts entspricht.

Da aber dieser Wert garantiert wird, erheischt das Geld eine Gegenleistung, das heißt, es gibt seinem Besitzer Macht über andere, auf deren Produktion er einen Anspruch hat. Wäre das Geld nur Ausdruck für meine Leistungen, so dürfte ich gerechterweise auf eine Entsprechung des Gegenstandes hoffen. Nun ist dem aber nicht so. Es spielt sich da ein sehr subtiler Prozess ab, den man richtig sieht Muss.

Wenn ein Bauer Butter produziert, muss er sich beeilen, sie auf den Markt zu bringen, denn sie hält sich nicht. Hat er sie verkauft, so hat er dafür Geld bekommen, das er einsteckt. Die Butter altert; wenn sie nicht rechtzeitig ihren Konsumenten gefunden hat, ist sie zum Teil verdorben, so dass weniger Butter konsumiert wird, als produziert wurde, als vom Produzenten verkauft wurde. Sie ist gealtert, hat sich »abgenutzt«. Mit Schuhen geht es ebenso, wenn auch langsamer. Bei allen Konsumgütern stellt dieser Abnutzungsprozeß eine unumgängliche Gesetzmäßigkeit dar. Wer Geld für Ware bekommt, ist in der Lage, sich zu sagen: »Zum Glück bin ich meine Ware los geworden, sie hätte ihren Wert verloren. Jetzt habe ich Geld, es behält seinen Wert. Ich kann mich ruhig darauf verlassen, ich kann es besitzen. « Wer die Ware bekommen hat, Muss sich hingegen beeilen, sie zu verwenden oder weiterzuleiten, denn jeder Augenblick verringert ihren Wert, außer beim eigentlichen Verbrauch, indem sie einer Erneuerung der Kräfte oder der Lebensmöglichkeiten dient. So unterliegt jede Ware diesem ständigen Abnutzungsprozeß. Dem Geld dagegen ist ein bleibender Wert zugesprochen worden. Auf diesen Wert baut man. Man stützt sich darauf, gründet sogar sein Lebensgefühl und seine Sicherheitsempfindungen darauf.

Das ist eine Illusion, denn langsam aber sicher trennt sich der Geldwert vom Warenwert. Man produziert durch Intensivierung der Erzeugung immer mehr Waren. Um die Absatz-Stockungen, die dadurch entstehen (Deflation), zu begegnen, wird das Geld in demselben Prozentsatz vermehrt. Aber es ist dann durch die Abnutzung der Ware immer etwas mehr Geld vorhanden als Ware, und diese Ungleichheit vergrößert sich, das heißt, es kommt ein Zeitpunkt, an dem jemand Geld hat, für das er keine Ware erhalten kann. Dann hat das Geld seinen Wert verloren, ist nicht mehr gedeckt, und wir haben die Inflation, die, wenn sie sich international auswirkt, eine Abwertung herbeiführt. So wie vorher bei jedem Kauf der Käufer ganz leise betrogen wurde (er bekam zerstörbare Ware für beständiges Geld), so wird jetzt der Geldbesitzer betrogen, denn der Geldwert schwindet. Statt auf Gegenseitigkeit beruht so die Wirtschaft auf »Betrug«.

Ein gewisser Ausgleich scheint darin zu liegen, dass dem Geld die Fähigkeit verliehen wurde, Zinsen zu bringen. Doch hier herrscht eine andere Illusion: Nicht das Geld arbeitet, vermehrt sich, bringt mehr ein, sondern Menschen, Arbeiter, Direktoren, Erfinder arbeiten. Der Mehrwert des Geldes bildet sich auf ihre Kosten.

Die geheime Macht, sich zu vermehren, die dem Geld zugeschrieben wird, ist einer der gewaltigsten und von allen stillschweigend anerkannten Imperativen der heutigen Welt. Weil diese Macht auf einem unerkannten Irrtum beruht, weckt sie die allerprimitivsten Leidenschaften. Das tiefste Lebensgefühl nährt sich davon, auch wenn es vermeint, durch Glauben, Ideale, innere Werte zu bestehen. Sobald diese Macht ins Wanken kommt, löst sie die schlimmste Panik aus. Instinktiv weckt sie Rücksichtslosigkeit, Brutalität. Da das Geld nicht wesensgemäß »altert« wie die Waren, wird sein Wert illusorisch. Weil man aber diese Illusion durch Zinserbringung verdecken will, unterwirft man ihr alle menschlichen produktiven Kräfte. In der Seele, meistens unbewusst, wird dies als eine abgründige Hohlheit, eine saugende Leere erlebt. Diese Hohlheit, diese verschlingende Leere, das ist der Mammon.

Wie potenziertes Gold in einem gesunden — und deshalb dafür nicht bereiten — Organismus, erzeugt das in seinem Wesen nicht verstandene Geld Depression und Wutausbrüche im sozialen Leben: Klassenkampf und weltweite Rivalitäten und Kraftproben.

Wie sieht es nun mit Auswegen oder Heilmitteln aus? Zunächst gilt es zu verstehen, dass weder Entrüstung, noch Angst, noch »heiliger« Zorn die Rettung bewirken, sondern nur eine Stärkung des Bewusstseins dies vermag. Dazu gibt es eine Übung, die, wenn sie wirklich gepflegt wird, sich als eine Prüfung und Schärfung des Gewissens offenbart: Man erhebe sich ganz hoch über den Erdplaneten, man überschaue in Gedanken, wie die für die Menschheit notwendigen Güter, bis sie verbraucht werden, sich durchschnittlich um einen jährlichen Prozentsatz, der statistisch errechnet wurde, von etwa drei bis fünf Prozent »abnutzen«. Man lasse die leise Panik »Wie kann ich dem entgehen? « beiseite, betrachte vielmehr, wie diese Güter ihre Verbraucher nur dann in befriedigender Weise erreichen können, wenn ihnen der genau entsprechende Geldwert gegenübersteht. Das heißt aber: ein Geld ohne statischen Eigenwert, ein Geld, das denselben Abnutzungsprozeß wie die Ware durchmacht, das sich ganz offiziell und prinzipiell im selben Rhythmus entwertet, wie die Waren altern, und wieder erneuert, wie die Waren produziert werden. Es gibt Systeme, welche dieses Prinzip des sich verbrauchenden Geldes (Schwundgeld z. B.) vorschlagen. Ein solches System war im Mittelalter etwa drei bis vier Jahr-hunderte lang wirksam — die einzige Zeit in der Weltgeschichte, in der es zu keinen rein wirtschaftlichen Katastrophen gekommen ist.  »In dem sich abnützenden Geld haben wir die Parallelströmung zu den sich abnützenden Waren.« Wenn ich dann etwas kaufe, bin ich froh, dass ich Ware erhalte, denn ich brauche sie; ich bin aber auch froh, dass ich mein Geld weitergegeben habe, denn es verbraucht sich. Der andere, der das Geld benötigte, ist zu-frieden, weil er Geld erhalten und seine Ware abgegeben hat. Es herrscht also reine Gegenseitigkeit. Wenn diese Gegenseitigkeit sich realisiert, kann der Mensch das Geld wieder so handhaben, dass es rein das ausdrückt, was ihn wirtschaftlich mit dem anderen Menschen verbindet. Dann wirkt der Mammon nicht mehr im Geld, das Geld hat nicht länger einen lügnerischen, falschen Wert. Solches Geld kann nicht mehr als Spekulations- und Machtmittel über die Arbeitskraft anderer verfügen. Die Gemeinschaften könnten wieder »Gilden« werden, das heißt wörtlich: Opfergemeinschaften, in denen das »Geld« den Wert der gebrachten Opfer »bezeichnet«; Gemeinschaften, die sich gegenseitig brauchen und dadurch gegenseitig unterstützen. Wahre Brüderlichkeit besteht nicht vordergründig in Gefühlseinmütigkeit und Seeleneintracht. Es geht sogar zwischen Brüdern oft recht unsentimental und herb her. Aber die Brüderlichkeit beruht auf der unverbrüchlichen gegenseitigen Abhängigkeit, weil man dieselben Lebensprozesse teilt. Dies ist eine schlichte Naturtatsache. Beim Menschen erfordert das, wenn er sie erkannt hat, dass er sie auch einsieht und seine Verhältnisse nach dem Gesetz der größtmöglichen Gegenseitigkeit einrichtet. Freiwillig geschaffene Gegenseitigkeit — das ist die Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben. So wird diese Naturgegebenheit auf die Ebene einer sittlichen Aufgabe erhoben.

Ein besonderer Aspekt dieser Erkenntnis betrifft auch die Abhängigkeit des Menschen von allen Naturprodukten: Sie vergehen alle. Pflanzen vergehen, Häuser altern, Maschinen verbrauchen sich, Grund und Boden selber verliert in Eile seinen Wert, wenn er nicht durch den Menschen ständig bebaut und erneuert wird. Der Mensch selber vergeht. Und nur das Geld allein sollte wertbeständig sein? Ist nicht diese Erwartung der bare Unsinn?

Dem Menschen ist beschieden, den bleibenden Wert der wahren Ideen zu durchschauen und sich zu dieser Dauer empor zu verwandeln. Am Geistigen erlebt er die Unvergänglichkeit, auch die seinige. Er kann sein Wesen darauf aufbauen. Töricht und unverantwortlich ist es, einem reinen Abstraktum eine solche Unvergänglichkeit zuzuschreiben, weil es unseren Wunsch nach Sicherheit versinnbildlicht. Man kann nicht Gott dienen und dem Mammon. Die Gesellschaft wird sich erst aus der Zufälligkeit der Naturnotwendigkeiten herauslösen, die sie den wüstesten Trieben und Begierden preisgeben, wenn sie sich dazu durchringt, sich Institutionen zu geben, die diese Gesetzmäßigkeiten berücksichtigen. Das moralische Problem ist, dieses nicht als eine Theorie unter hundert anderen einfach stehen zu lassen, sondern von dem Boden der hypothetischen Vorstellungen, die unverbindlich sind, auf den der Anerkennung von Tatsachen und Lebensgesetzen zu steigern. Nicht eine stürmische Umwälzung kann dieses Problem lösen, sondern eine sachliche Erkenntnis; und diese muss gründlich fundiert und geübt und »verdaut« werden, bevor sie die Taten befruchten kann.

Dies zu wissen und allmählich vom Instinktiven ins helle Bewusstsein zu heben, wird die Menschheit von einem naturgebundenen in einen geistig ergriffenen, aus Gewissenspraxis geschaffenen Zustand bringen. Das ist eine eminent religiöse Aufgabe. Ihr dienten die alten Tempelbräuche, die Gold als Opferzeichen des Heiligtums ausgaben. Ihr wird die klare Erkenntnis der Funktion des Geldes dienen: den Menschen als Bewußtseinsstütze ihr Aufeinander-angewiesen-sein und ihre gegenseitige Verantwortlichkeit konkret und ständig zu bezeichnen als »Zeichen« derer, die sich einen zu dem Opfer, um eine Gemeinschaft des Christus zu sein.

 

 

 

 

 

 

 

 - R. Steiner, Vortrag vom 16. Juli 1918, in »Erdensterben und Weltenleben«, Dornach 1967

- Vgl. »Fragen der Freiheit«, Schriftenreihe, hrsg. vom Seminar für freiheitliche Ordnung der Wirtschaft, des Staates und der Kultur. Meisenheim/Glan. — Darin: Lothar Vogel, »Die Verwirklichung des Menschen im sozialen Organismus«, 1973.

-  R. Steiner, Vortrag vom 5. B. 1922, in »Nationalökonomischer Kurs«, Dornach 1965. Siehe auch »Die soziale Grundforderung unserer Zeit — In geänderter Zeitlage«, Dornach 1963.

 

                                  Vortrag herunterladen